Cooler Unterricht: Dieser Religionslehrer ist ein Spiele-Entwickler

Tobias Schneider als Luther verkleidet - wie passend.
Tobias Schneider als Luther verkleidet – wie passend.

2017 ist ein besonderes Jahr: Es wird auch als Luther-Jahr bezeichnet, da 500 Jahre Reformation hinter uns liegen. Gerade die evangelische Kirche lässt sich zu diesem Fest einige Dinge einfallen. Zum Beispiel soll passend zum Reformationsjubiläum ein Computerspiel namens Pixel-Luther erscheinen. Das ist kein Konzept von einem großen Publisher, sondern das des schwäbischen Pfarrers und Religionslehrers Tobias Schneider, der das Game zusammen mit seinen Siebtklässlern entwickelt.

Über das Projekt Pixel-Luther haben wir bereits berichtet. Nun wollten wir weitere Infos aus erster Hand haben, deswegen führten wir mit Tobias ein Interview. Er verriet uns dabei unter anderem, um was es genau in seinem Spiel geht, wie er das mit seinen Schülern umsetzt und welche Ziele er damit verfolgt.

Spielesnacks.de: Hallo Tobias, bitte stelle dich kurz vor

Tobias Schneider: Ich heiße Tobias Schneider, bin  39 Jahre alt und Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Ich arbeite als Gemeindepfarrer in Willsbach im Weinsberger Tal in der Nähe von Heilbronn.

Wie kamst du zum Thema Computerspiele?

In meiner Freizeit beschäftige ich mich mit Fotografie, Zeichnen, Multimedia, Webdesign und auch Programmierung. Mein erstes Programm habe ich vor 25 Jahren geschrieben, mit PowerBasic für DOS. Ach ja, Computer- bzw. Videospiele spiele ich natürlich auch gerne, darum habe ich auch schon mehrere kleinere Spiele selbst entwickelt und auf meiner Webseite veröffentlicht.

Um was geht es in Pixel-Luther?

Pixel-Luther ist ein relativ einfaches Jump&Run-Spiel mit Pixel-Retrografik, das ich mit meinen Schülern der 7. Klasse gemeinsam im Unterricht entwerfe und umsetze. Der Inhalt des Spiels orientiert sich am Leben von Martin Luther und der Reformation, die in diesem Jahr ihr 500. Jubiläum hat. Das Projekt wird dokumentiert auf der offiziellen Pixel Luther-Webseite, dort können auch aktuelle Versionen im Web getestet werden. Erscheinen soll das Spiel für Android und als PC-/Mac-Browsergame, auch eine iPhone-Version ist angedacht.

Müssen deine Schüler nun Programmieren lernen?

Natürlich ist die komplette Programmierung eines solchen Spiels in wöchentlich zwei Stunden Reli-Unterricht ein utopisches Ziel. Daher verwende ich als Grundlage für die Programmierung das Baukastensystem GameSalad. Dadurch sind die Möglichkeiten zwar eingeschränkt, allerdings spart das aufwändige Einarbeitung in komplexere Systeme wie Unity oder Programmiersprachen wie Monkey-X.

Und durch den Retro-Stil, der sich an Klassikern wie Super Mario orientiert, ist auch der grafische Aufwand überschaubarer als bei aktueller 3D-Grafik.

Pixel Luther: Ein Screenshot aus einer frühen Fassung des Jump&Runs.
Pixel-Luther: Ein Screenshot aus einer frühen Fassung des Jump&Runs.

Warum wird das Spiel ein Jump&Run? 

Mein erstes Videospiel war Super Mario Land auf dem NES, mein erste Computerspiel war Commander Keen. Ich mag also Jump&Runs und wollte schon immer mal eines selber machen. Und natürlich ist ein Platform-Sidescroller auch wesentlich einfacher umzusetzen als ein 3D-Action-Adventure.

Pixel-Luther wird also ein reinrassiges Hüpfspiel?

Nein. Ich muss zugeben, dass Pixel-Luther schon auch Elemente anderer Genres beinhaltet. Dass Fähigkeiten im Lauf des Spiels hinzukommen und man dann mit diesen Fähigkeiten in den Anfangslevels noch weitere Inhalte finden kann, das hat schon Anklänge an klassische Adventures wie Legend of Zelda oder so.

Anhand solcher Skizzen entstehen die Levels für Pixel Luther.
Anhand solcher Skizzen entstehen die Levels für Pixel Luther.

Wie „christlich“ wird das Game?

Das Spiel entsteht im Religionsunterricht. Es behandelt ein wichtiges kirchliches Thema, das große Auswirkungen auf das Christentum bis heute hat. Luthers Bibelübersetzung, sein Bild von einem Gott, der eben nicht nur straft, sondern vergibt und für die Menschen da ist – das alles hat eine hohe Bedeutung für den christlichen Glauben in der evangelischen Kirche. Natürlich ist Pixel-Luther deshalb ein „christliches“ Spiel.

Muss man gläubig sein, um Pixel-Luther verstehen und spielen zu können?

Nein, man muss kein Christ sein, um Pixel-Luther zu spielen. Und man wird auch nicht automatisch Christ, wenn man es spielt. Aber wenn das Spiel dazu führt, dass die Spieler ihren Blick auf das 500jährige-Jubiläum der Reformation werfen und sich ein wenig mit Luthers Leben sowie seinem Glauben und seiner Bedeutung für das Christentum beschäftigen, dann bin ich als Pfarrer schon zufrieden.

Wie steht die Kirche zu Pixel-Luther?

Im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum gibt es die verrücktesten Dinge zu Martin Luther, insofern ist das jetzt nicht was völlig Abwegiges. Es gab bisher nur gute Reaktionen auf das Spiel. Ich habe mit der Projektidee sogar an einem Ideenwettbewerb meiner Landeskirche teilgenommen, eher aus einem spontanen Impuls heraus. Trotzdem fand die Jury das Projekt Pixel-Luther so gut, dass es tatsächlich zu den vier Gewinnern gehört.

Das zeigt, dass diese Herangehensweise an das Thema Reformation im Blick auf Digitalisierung und Nutzung von neuen Medien von kirchlicher Seite aus sehr positiv gesehen wird.

Ein Religionslehrer, der zusammen mit seinen Schülern ein Spiel entwirft – das ist ziemlich ungewöhnlich. Wie kamst du auf die Idee?

Ich verwende regelmäßig Computerspiele im Unterricht, da sie zur Lebenswelt der Jugendlichen gehören. Leider kam ich aufgrund von Beruf und Familie in den letzten Jahren nicht dazu, eigene Spiele zu entwickeln, wie ich das früher getan habe. Nach einem Besuch bei Ubisoft Deutschland war ich aber so motiviert, das ich anfing mich ins Baukastensystem GameSalad einzuarbeiten und zwei Runner für Android veröffentliche.

Es war dann nur noch ein kleiner Schritt, diese Leidenschaft für Spiele und die Arbeit zu verbinden. Ich suchte nach einer Idee, was ich den Rest des Schuljahres mit den Siebtklässlern noch machen könnte und hatte plötzlich den Geistesblitz, im Jubiläumsjahr der Reformation doch an Martin Luther mal spielerisch heranzugehen. Und das war die Geburt von Pixel-Luther.

Wie nehmen die Schüler und deine Lehrer-Kollegen das Projekt auf?

Die Kinder finden das natürlich toll. Vor allem, weil sie natürlich sehr frei arbeiten können und an etwas „Großem“ mitwirken. Die Lehrer sind gewohnt, dass ich ungewöhnliche Sachen mache, und fanden die Idee aber auch gut, weil es eben mal was ganz anderes ist.

Die Klasse, die ich unterrichte, ist an einer Gemeinschaftsschule. Dort gehört es dazu, dass die Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer Fähigkeiten beschäftigt und gefördert werden. Gerade das ist ja bei einem solchen Projekt mit ganz unterschiedlichen Aspekten von Grafik über Sound bis zum Level-Design gut möglich.

Wie genau funktioniert die Zusammenarbeit zwischen dir und deinen Schülern? Wer ist für was verantwortlich?

Am Anfang haben wir gemeinsam in mehreren Brainstorming-Runden nach Ideen für alle Aspekte des Spiels gesucht. Diese habe ich dann sortiert und wir haben zunächst drei Levels festgelegt, an denen wir jetzt gerade arbeiten.

Die Schüler haben sich dann in Gruppen zusammengefunden, die an verschiedenen Bereichen arbeiten. Es gibt Gruppen für die drei Levels, diese machen zunächst Level-Design und überlegen sich auch, welche Funktionen es im Spiel geben soll. Zum Beispiel, dass Luther eine Lampe einsammeln muss, um durch eine dunkle Mine kommen zu können. Diese Gruppen arbeiten auch an Grafik-Entwürfen, die für die jeweiligen Levels notwendig sind.

Die pixeligen Charaktere des Luther-Jump&Runs werden von den Reli-Schülern gezeichnet.
Die pixeligen Charaktere des Luther-Jump&Runs werden von den Reli-Schülern gezeichnet.

Und was machen die anderen Schüler in deiner Klasse?

Neben den Level-Designern gibt es noch eine Gruppe, die sich nur grafisch betätigt. Sie entwirft zum Beispiel die Figuren beziehungsweise Gegner, die sich an einer Vorlage orientieren. Alle Arbeitsblätter für diese Gruppen sind auch auf der Webseite des Projekts zu finden, so dass die Schüler sogar zuhause arbeiten können.

Ein Teil der Grafik wird auch gleich digital gemacht, dazu verwenden die Schüler einen PixelArt-Editor auf dem Smartphone – und sind glücklich, wenn sie das Handy im Unterricht verwenden dürfen. Die letzte Gruppe kümmert sich um den Sound, auch dafür gibt es Tools, die ich im Internet zusammengesucht habe.

Welche Aufgaben übernimmst du?

Meine Rolle ist die des Koordinators. Ich sammle die Ideen und Entwürfe und setze sie dann grafisch oder programmiertechnisch um. Die eigentliche „Programmierarbeit“ ist trotz Baukastensystem ohne Erfahrung kaum leistbar, darum kümmere ich mich deshalb selbst.

In jeder Stunde schauen wir die neueste Version des Spiels an und die Schüler geben Rückmeldung, was noch geändert werden könnte. Zum Teil kann ich dann im Unterricht schon Dinge ändern, sodass es ein direktes Feedback gibt. Zur Nachbereitung jeder Stunde gehört, dass ich dokumentiere, was gemacht wurde und so die Schüler im Netz die Ergebnisse ihrer Arbeit sehen können.

Werdet ihr das Spiel zusammen bis zum Ende bringen oder übergibst du dann im nächsten Schuljahr das Projekt an eine neue Klasse?

Geplant ist, dass wir bis zum Ende des Schuljahres die ersten drei Levels fertig haben. Wie es dann im nächsten Schuljahr weitergeht, das weiß ich noch nicht. Es ist klar, dass das nicht einfach ein anderer Lehrer weiterführen kann. Eventuell gibt es aber auch die Möglichkeit, das als eine Art AG mit besonders motivierten Schülern weiterzumachen. Vielleicht finde ich auch in den Sommerferien die Zeit, noch das Spiel noch zu erweitern.

Was wollt ihr mit Pixel-Luther erreichen?

Es geht eigentlich darum, das Leben von Martin Luther und das, was ihm wichtig war, spielerisch zu lernen. Die Reformation war ein wichtiges geschichtliches Ereignis, das bis heute nachwirkt. Und sie ist – vielleicht auch manchmal zu sehr – mit der Person Martin Luthers eng verbunden.

Trotzdem wissen viele gar nicht, was der eigentlich gemacht hat. Das Spiel kann da auch ein Anreiz sein, sich etwas ausführlicher damit zu beschäftigen. Spielen und gleichzeitig Lernen – besser geht es doch nicht, oder?

Ein Spiel über Martin Luther – das klingt zuerst einmal wenig spannend. Wie wollt ihr für Spielspaß sorgen?

Zunächst einmal war Martin Luthers Leben alles andere als langweilig. Da war alles dabei: Widerstand, Bedrohung durch den Kaiser, Flucht, ein heimliches Leben im Versteck auf einer Burg, der Streit mit seinen Gegnern, die Bauernkriege und sogar noch eine Liebesgeschichte mit seiner Frau Katharina. Genug Stoff für jede Menge Abenteuer.

Trotzdem ist es natürlich nicht so einfach, daraus einfach ein Spiel zu machen, das dann auch wirklich Spaß macht. Wir überlegen deshalb, wie wir die eigentliche Geschichte noch kreativ erweitern können. Das bereits genannte Beispiel mit der Mine ist so eine Idee gewesen. Und natürlich erfinden wir Gegner und Begebenheiten, die es in Luthers wirklichem Leben so sicher nicht gegeben hat.

Hinzu kommen noch Nebenaufgaben, die dazu führen, dass man später Level noch mal spielen muss, um alle Bonus-Gegenstände im Spiel zu finden.

Wird das Spiel komplett gewaltfrei oder wird es auch satte Action-Einlagen geben?

So sieht der Pixel Luther auf Papier aus.
So sieht der Pixel-Luther auf Papier aus.

Was bedeutet „gewaltfrei“? Natürlich gibt es Action. Bei einem Jump&Run geht das ja gar nicht ohne, selbst Super Mario macht die armen Schildkröten fertig. Ähnlich wird es auch bei Pixel-Luther sein: Die bösen mittelalterlichen Pestratten kann man zum Beispiel wie bei Super Mario durch Draufhüpfen besiegen. Und dann gibt es auch Teufelchen, die durch die Gegend rennen. Die werden mit Tintenfässchen beworfen – der Legende nach soll das Luther tatsächlich einmal getan haben.

Aber wirkliche Gewaltdarstellung mit Blut oder Ähnlichem wird es mit Sicherheit nicht geben. Wir wollen schließlich bei Google Play eine Freigabe als familienfreundliches Spiel.

Die Entwicklung kostet sicherlich auch ein bisschen Geld. Wer finanziert das Vorhaben?

Als ich begonnen habe, war es klar, dass das ein Hobby von mir ist und ich deshalb auch selbst alle Kosten übernehme. Der Gewinn des Ideenwettbewerbs eröffnet jetzt aber neue Möglichkeiten, denn als Preis wird die Umsetzung des Projekts finanziert. Ich hoffe, dass ich dadurch die kostenpflichtige Baukasten-Software finanziert bekomme und auch zum Beispiel die Developer-Lizenz für den App-Store, die ich bisher nicht habe.

Praktisch wäre es zudem, wenn wir in der Schule noch Rechner mit der entsprechenden Software für die Schüler hätten. Denn momentan nehme ich eigene Geräte mit. Es ist jedoch nicht ganz klar, was die Kirche letztlich an dem Projekt zahlt, ich bin aber guter Dinge, dass die vergleichsweise geringen Kosten zu einem großen Teil übernommen werden.

Möchtet ihr damit später Geld verdienen?

Nein, Pixel-Luther soll kostenlos und werbefrei auf allen entsprechenden Plattformen verfügbar sein.

Bis wann möchtet ihr mit dem Spiel fertig sein?

Ziel ist jetzt zunächst, die ersten drei Levels bis zu den Sommerferien so weit zu haben, dass ein funktionsfähiges, spielbares Release für Web, Android und iPhone möglich ist. Wie es dann weitergeht, müssen wir abwarten.

Schön wäre es, wenn das Spiel komplett bis zum Reformationsjubiläum am 31. Oktober fertig wäre. Ob das klappt, ist natürlich sehr fraglich.

Tobias, vielen Dank für das Interview. Das Spielesnacks.de-Team wünscht dir und deinen Schülern noch viel Spaß und Erfolg bei der Entwicklung von Pixel-Luther!

 

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